Stillen – Wenn das Trauma
in den Brüsten sitzt

Wie alle Abläufe, die von der Natur mit hoher Komplexität angedacht sind, ist auch das Thema Stillen sehr anfällig. Ein unbedachter Eingriff kann eine ganze Kettenreaktion an Folgen nach sich ziehen. Die natürlichste Sache der Welt wird dann plötzlich zum Problemthema.

Allein die häufig unbeabsichtigte Angst, dass Kind würde nicht schnell genug den Saugreflex aktivieren und zu schnell zu viel abnehmen, kann ausreichen. Diese Angst überträgt sich auf Mutter und Kind. Stresshormone explodieren und stören meist langwierig völlig unnötig die Mutter-Kind-Bindung. Spuren können sich auch im weiteren Still- und späteren Essverhalten des Kindes zeigen. Solche Kreisläufe haben viele Ursachen.

Und Stillen ist mehr.

Stillen ist ein Spiegel der Seele. Nicht nur aktuell. Sondern auch ein Spiegel der Biografie der frisch gewordenen Eltern. Nicht stillen können, kann Anzeichen von Traumata in der mütterlichen – seltener in der väterlichen – Biografie sein. Was für die Geburt aufgelöst werden konnte, ist plötzlich „in die Brüste“ gerutscht.

Während in wirklich guten Begleitungen von Schwangeren bereits auf biografische Muster geschaut wird um Traumata rechtzeitig auflösen zu können, ist es beim Thema Stillen noch nicht ganz angekommen. Dabei ist ein bedeutender Teil unserer Gesellschaft von Traumata heimgesucht. Immerhin liegt der letzte Krieg gerade vier Generationen zurück. Traumata werden leicht drei Generationen übergreifend vererbt. Die unreflektierten Muster in den meisten Familien haben zu Überlebensmechanismen geführt, die häufig weitere Traumata zur Folge haben.

„Ich spüre, dass es geht, aber irgendwas hält mich gefangen!“

Die gut etablierte Aussage: „Ich konnte nicht stillen.“ oder „Ich hatte nicht genug Milch.“ sollte endlich nachlassen. Der Ton bei älteren Frauen ist bei dieser Aussage vor allem traurig. Die Augen rückblickend und trüb. Der Schmerz springt einen nahezu an. Der Ton in Gesprächen mit heutigen Müttern die nicht stillen ist häufig unsicher, verzweifelt, manchmal wütend und nicht selten trotzig. Das Gespräch wird schnell abgehakt. Aber es ist fast immer ein Hilferuf wahrzunehmen: „Ich spüre, dass es geht, aber irgendwas hält mich gefangen!“. Viele Frauen haben über Generationen gelernt, Kummer und innere Not zu unterdrücken. Unsere Gesellschaft arbeitet gerade daran, den Spruch: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ für die Jungen abzuschaffen und merkt gar nicht, wie die Frauen sich diesen Spruch selbst aneignen. Frauen gegen Frauen.

Dieses Spiel ist in keiner anderen Lebensphase so ausgeprägt gehässig, wie im Bereich der wichtigsten Stunden im Leben: Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett , Stillen! Berichte von Frauen, die ihre ersten Stillversuche nach der Geburt als Vergewaltigung beschreiben, sind keine Seltenheit. Das hier stattgefundene massive Manipulieren durch Fachpersonal eines sensiblen Prozesses schreibt sich tief in die Seele von Mutter und Kind und hinterlässt das Gefühl der Hilflosigkeit. Hier spiegeln sich Zeitmangel, unreflektierte Lebensgeschichten, unzureichende Aus- und Weiterbildung sowie mangelnde Empathiefähigkeit. Die Rechnung tragen Mutter und Kind. Ungefragt folgen zudem häufig von allen Seiten Ratschläge, die wenig liebevoll sind. Und dabei ist es genau das, was fehlt. Wir diskutieren lieber, ob Stillen in der Öffentlichkeit schicklich ist, statt uns Frauen in die Augen zu blicken und uns endlich auch als Frau im Leben zu integrieren. Uns zu achten an den Stellen, wo Leben getragen, geboren und gestillt wird. Völlig unabhängig davon, ob frau sich für Kind entscheidet.

Brüste und Stillen – ein Spiegel unserer Gesellschaft.

Hier spiegeln sich die Machtspiele: Ist die Frau eine starke und selbstbewusste Frau, weil sie Kinder bekommt und stillt? Oder gilt sie dann nicht mehr als modern, feminin, selbstbestimmt? Ist sie aufgeschlossen, weil sie überall stillt und introvertiert, wenn sie sich dafür immer nur ins stille Kämmerchen zurück zieht?

Brüste und Stillen – ein Spiegel unserer Vergangenheit.

Hier spiegeln sich die Machtspiele unserer Eltern und Großeltern wieder: Hatte meine Mutter genug Mut, zur damaligen Zeit wirklich für mich als Kind da zu sein? Wie war die Paarbeziehung und wie war dadurch mein Überleben und nährende Berührung gesichert? Musste meine Mutter um mich kämpfen? Musste mein Vater um mich kämpfen? Wurde ich zum Spielball unreflektierter Traumata meiner Eltern in einer der wichtigsten Prägungsphasen?

Brüste und Stillen – hier geht es um viel mehr!

Die Brust als mütterliche, liebevolle Nahrungsquelle ist ein heimliches Sehnsuchtsobjekt vieler Generationen. Nicht auf Grund von sexueller Lust, sondern – ganz banal – weil sie ein Zeichen für „nach Hause kommen“ ist. Schauen wir uns die Geschichte der letzten Generationen an, schreit es regelrecht nach: „endlich nach Hause kommen DÜRFEN“.

Text: Navina Salomon; Bild: istockphoto/Sasiistock


Der Pachamama-Laden bietet mehrmals im Monat ein Stillcafé an. Diese offene Runde dient zum Auftanken, Gefühle loswerden oder auch mal alternatives Wissen zum Stillen einholen. Nach aktuellen Terminen frage bitte unter 01799249982.