Kita-Eingewöhnung ohne Tränen

Seit einer Woche geht meine Tochter in einen Kindergarten. Sie wird in wenigen Tagen drei und war vorher bei einer wirklich wundervollen Tagesmutter untergebracht. Zum Thema Fremdbetreuung hat jeder so seine eigene Meinung und die wird gerade in den sozialen Medien heiß diskutiert: Zwischen „Am besten schickt man sein Kind mit 8 Monaten in die Krippe, dann bekommt es am wenigsten mit.“ über „Ich muss arbeiten gehen, mir bleibt nix anderes übrig.“ bis zu „Mein Kind bleibt bis zum 3. Lebensjahr zuhause.“ verteidigt jeder sein eigenes Lebensmodell. Aber keiner spricht darüber wie es denn nun gehen kann mit der Eingewöhnung. Es gibt die Standard-Eingewöhnung von 2 Wochen und die wird selten angefochten. Ich habe mir die ernsthafte Frage gestellt: Ist es normal, dass mein Kind weint und muss es einfach da durch?

Welchen Weg gibt es noch?

Hier spreche ich ausschließlich aus meiner eigenen Erfahrung.

Frühjahr 2017 – Unsere Tochter ist gerade 1,5 Jahre alt. Bis dahin haben wir sie selbst betreut. Mit Elternteilzeit des Vaters und meiner Selbstständigkeit war das möglich. Aber auch anstrengend. Nach seiner Schichtarbeit war er für unsere Tochter da und ich wechselte in den Laden. Ging es gar nicht anders, habe ich das kleine Krabbelkind einfach mitgenommen. Schnell haben wir gemerkt, wie wenig Paar wir noch waren. Die Funktion war ausgeprägter als die Emotion. Gesehen haben wir uns zur Übergabe oder abends im Bett. Als unsere Beziehung endete, war Helena gerade ein Jahr und drei Monate. Unsere Entscheidung für die Betreuung war gefallen. Wir haben leider kein gut funktionierendes Familiennetzwerk – entweder wohnen die Großeltern zu weit weg oder müssen selbst arbeiten, ebenso wie Tanten und Cousinen. Für ein reibungslos funktionierendes Betreuungssystem sehen wir uns einfach zu selten. Da wirkt dann auch ein Familienangehöriger wie ein Fremder auf unsere Tochter.

Eingewöhnung nach dem empfohlenen Schema …

Wir entschieden uns für eine Tagesmutter. Familiäres Umfeld, geringe Anzahl an Kindern, es wird selbst gekocht und mit viel Phantasie gespielt. Die Eingewöhnung begann im April. In der ersten Woche machte sie sich prima; war neugierig und aufgeschlossen. In der zweiten Woche wurden häufigere und längere Trennungen herbeigeführt – nach dem empfohlenen Schema in der Fremdbetreuung. Nicht nur meiner Tochter, sondern auch mir kullerten dicke Tränen die Wangen runter. Meine Schmerzen habe ich mit vielen Menschen geteilt. Die Reaktionen waren nicht immer mitfühlend. Häufig kamen Antworten wie: „Das ist ganz normal.“, „Sie hat das ganz schnell vergessen.“, „Es wird ihr guttun.“, „Es sind die Eltern die sich nicht trennen können.“, „Du hast sie zu viel umhergetragen und gestillt.“, „Wenn sie eine gute Bindung hätte, würde es ihr ganz einfach fallen.“. BÄHM.

Die Tage ab der zweiten Woche waren furchtbar. Helena ließ mich nicht mehr los. Ich konnte nicht den Müll ohne sie runterbringen und verrichtete meine Notdurft mit Kind auf dem Schoß. Man bedenke: Zu diesem Zeitpunkt war ich schon alleinerziehend. Ein absolutes No-Go für mich. So konnte ich meinen Alltag unmöglich durchhalten. Am schlimmsten waren für mich allerdings die Nächte. Sie wimmerte im Schlaf oder wachte schreiend und weinend auf. Jede Nacht. Natürlich war unsere Tochter vorbelastet durch die Trennung ihrer Eltern. Aber war das wirklich richtig? Dann zog ich die Reißleine.

Zurück auf Anfang.

Ich vereinbarte mit der Tagesmutter abendliche Treffen, damit wir erst einmal die Räumlichkeiten beschnuppern konnten. Das gab mir außerdem die Gelegenheit die neue Ersatzmama kennenzulernen. Wir haben tolle Gespräche geführt. Nun hatte ich mehr Sicherheit, dass meine Tochter in guten Händen war während meiner Abwesenheit. Ja, es spielt eine Rolle für die Eingewöhnung, ob ich mich als Mutter trennen kann. Wir sind nun mal eine Einheit – meine Tochter und ich. Nur weil wir körperlich (abgesehen vom Stillen) selbständige Individuen sind, heißt das nicht, dass wir es auch emotional sind. Das nennt man Bindung! Und die möchte ich nicht durch ein vorgegebenes Raster zerstören. Letztendlich ist es doch so: Habe ich ein gutes Gefühl, überträgt es sich auf mein Kind. Eltern die sich wohlfühlen vermitteln ihrem Kind: Hier ist alles in Ordnung, hier wird sich gut um dich gekümmert.

  

Die weitere Eingewöhnung funktionierte prima. Wir kamen schließlich am Nachmittag, als nur noch ein bis zwei Kinder dort waren. Jetzt da sie die Räume kannte und wusste wo ihre Lieblingsspielzeuge lagen, waren auch die anderen Kinder kein Problem mehr. Das Vertrauen wuchs. Ich wartete täglich, bis sie allein von meinem Schoß aufstand und in den Raum ging oder dem Angebot der Tagesmutter nachging. Schließlich siegte ihre Neugierde. Als sie eine Stunde spielte ohne mich zu beachten, ging ich nach Fragen und Verabschiedung aus dem Raum. Erst kurz, dann länger. Dann blieb sie eine Weile Mittagskind. Und schließlich schlief sie auch dort. Ich stillte übrigens die ganze Zeit weiter. So bekam sie immer die Rückversicherung, die sie brauchte. Kurz auftanken und verarbeiten bei Mama und weiter. Ja, alleine – also mit den anderen Kindern und begleitet von der Erzieherin – einschlafen klappte vom ersten Tag an reibungslos. Trotz stillen. Trotz, dass sie bei mir vorher niemals ohne Brust eingeschlafen war (ausgenommen Tragetuch und Kinderwagen). An dieser Stelle möchte ich unserer Tagesmutter danken, dass sie sich auf diese Eingewöhnung über sechs Wochen eingelassen hat. Des Weiteren hast du anderthalb Jahre so wundervolle Arbeit geleistet, Geschichten erzählt, gesungen und getanzt. Unsere Tochter hat sich toll entwickelt und nimmt einige herzerfüllende Freundschaften mit. Wir sind nun schon eine Woche in der neuen Kita. Helena ruft dich jeden Tag an und möchte mit dir sprechen. Außerdem fehlen ihr ihre Freunde.

Im neuen Kindergarten wird es ein Klacks, dachte ich insgeheim.

Herbst 2018 – In unserer Stadt ist die Betreuung durch eine Tagesmutter oder einen Tagesvater bis zu einem Alter von drei Jahren gewünscht. Also ziehen wir um in eine Kita. Nur fürs Protokoll: Mir hat leider keine hundertprozentig zugesagt, aber dazu mehr in einem anderen Artikel.
Es war nicht leicht, so einem kleinen Wesen zu erzählen, warum es jetzt eine vertraute Person, die sie so ins Herz geschlossen hat, nun nicht mehr wieder sehen würde. Meine Entscheidung bereue ich zu keinem Zeitpunkt. In einer Krippe hätte es keine Garantie gegeben, dass ein und dieselbe Betreuungsperson über lange Zeit bleibt. So war es mir für den Einstieg lieber. Den neuen Kindergarten haben wir über ein halbes Jahr mehrmals besucht. Die Freude war ihr anzumerken. Große Kinder, neues Spielzeug, Tiere zum Verpflegen. „Mama muss in den Laden zur Arbeit, Helena geht in den Kindergarten zur Arbeit.“, konnte ich mir täglich anhören. Das wird ein Klacks, dachte ich insgeheim.

Dennoch, als die Eingewöhnung begann, war alles anders. Schüchtern verkroch sie sich hinter mir. Wich mir erst mal nicht vom Schoß. Na gut, kapitulierte ich. Es dauert eben so lang wie es dauert. Ich nehme mir gern die Zeit, damit du dich hier wirklich wohlfühlst. Auf die Reaktion der neuen Erzieherin war ich dann allerdings doch nicht vorbereitet. Am ersten Tag herrschte eine gestresste Stimmung. Das Lachen, die freundliche Begrüßung und die Herzlichkeit der Tagesmutter fehlten mir sehr. Wie es wohl Helena damit ging? Schon am ersten Tag bat die Erzieherin mich, morgen für eine Stunde den Raum zu verlassen. Sonst würde meine Tochter sie nicht annehmen und mit ihr interagieren. Oh, oh. Na klar waren wir vorher schon mehrmals zum Anschauen dort. Aber der Alltag mit 15 Kindern ist dann doch etwas anderes. Hinzu kommt die Trennung der Tagesmutter, der gewohnten Umgebung und der Freunde. Lasst dieses Kind doch erst mal die neue Situation verarbeiten! Fühlt euch ein! Woher kommt nur dieser Zeitdruck? Kinder werden dadurch nicht weniger selbständig. Im Gegenteil: Haben sie Rückhalt von Mama und Papa, gehen sie viel selbstbewusster in die Welt und vor allem ohne Angst. Zu wissen es ist immer jemand da, der einen auffängt, egal was kommt. Schönes Gefühl, oder?

Nur ohne Tränen, bitte.

Der zweite Tag kam und wieder wurde auf die Trennung bestanden. Ich erinnerte mich zurück an die erste Eingewöhnung und sagte nachdrücklich: „Gern, aber nur, wenn sie einwilligt. Und nur ohne Tränen.“ Große Augen starrten mich an. Gefühlt brach jetzt etwas auf. Ich wurde mehr ernstgenommen. Als Kooperationspartner wahrgenommen. Ich fragte meine Tochter, ob ich mal kurz zum Telefonieren rausgehen kann und sagte dass ich gleich wieder reinkomme. „Nein.“ „Die Erzieherin möchte dir den neuen Raum zeigen und erkunden wo alles steht. Du darfst gern mitgehen.“ Kurzes Überlegen. „Ich komme gleich wieder.“ „Ok.“. Geschafft. Ohne Tränen.

Jeden Tag aufs Neue werde ich fragen, ob ich gehen darf. Denn jeder Tag ist anders. An manchen Tagen braucht sie den Rückhalt mehr, an anderen weniger. Es ist für mich viel schöner, wenn mein Kind aus freien Stücken dorthin geht. Gewollt. Nicht gezwungen. Nur so wird sie das alles und auch die Erzieherin annehmen. Weil sie diesen Menschen lieben lernt. Wie eben in anderen Beziehungen auch. Deshalb hier noch etwas wichtiges auf den Weg:

Bitte liebe Erzieher, gebt mir das Gefühl, dass ihr meine Tochter mit genauso viel Liebe behandelt wie ich es tue. Bitte begegnet ihr auf Augenhöhe. Bitte nehmt sie und ihre Bedürfnisse ernst, egal in welchem Alter. Werdet nicht übergriffig. Führt nichts ungefragt aus. Falls ihr einen Fehler gemacht habt, entschuldigt euch und zeigt ihr Respekt. So wie es jeder Mensch verdient hat. Ob groß, ob klein.