„Wenn das Baby erstmal da ist, ist der Schmerz vergessen.“

Roses Revolution im Pachamama Laden Brandenburg an der Havel
Für einen Moment vielleicht…

Am 25.11. ist Roses Revolution. Zum Anlass des weltweiten Tages gegen Gewalt in der Geburtshilfe möchten wir mit einem Beispiel voran gehen und ein Zeichen setzen. Auch du kannst daran Teil nehmen indem du an dem Ort der Erfahrung eine Rose niederlegst und/oder einen Brief schreibst. Denn Tatsache ist: tagtäglich findet auch in Deutschland Gewalt unter der Geburt statt. Laut Tara Franke (Hebamme und Sexualpädagogin) ist diese Form der Gewalt mit ähnlichen Folgen wie nach sexuellem Missbrauch behaftet und unterliegt ganz unterschiedlichen und in erster Linie subjektiven Empfindungen und reichen von körperlich sichtbar bis hin zu seelisch versteckt.


Ich bin Nathalie Gräbner, 24 Jahre alt und möchte meine Erfahrung mit euch teilen. Deshalb veröffentliche ich hier meinen persönlichen Brief an zwei Krankenhäuser.

Als Erstgebärende mit 16 Jahren ging ich sehr unbefangen an dieses Thema heran. Irgendwann jedoch wurden die Stimmen lauter und ich hörte von allen Ecken, wie schmerzhaft so eine Geburt ist. Horrorgeschichten soweit das Auge reicht. Normalität, dachte ich. „Da mussten wir alle durch. Hinterher ist alles vergessen.“

Schön wäre es.

Kommen wir zum Tag der Geburt meines ersten Kindes. Beim Niesen platzte mir zuhause im Bett die Fruchtblase. Kurze Zeit später befand ich mich auf der Entbindungsstation des Krankenhauses. Laute Schreie einer Gebärenden begrüßten mich. Nach dem CTG kam ich auch schon in den Kreißsaal und sollte erstmal zur Toilette. „Halten Sie die Hand drunter, falls der Kopf kommt“, waren die Worte der Hebamme. Während ich meinen Mund nicht mehr zu bekam, verließ sie das Zimmer.
Die Wehen wurden heftiger und ich versuchte auf dem Bett eine möglichst angenehme Position zu finden. Die Hebamme war sichtlich überrascht, als sie nach einiger Zeit ins Zimmer zurückkehrte und mich dabei sah, wie ich bereits meine Wehen veratmen musste. Daraufhin sagte sie in ziemlich barschem Ton: „Legen Sie sich auf den Rücken!“ Ich versuchte ihr klarzumachen, dass es seitlich für mich besser sei, aber das interessierte sie nicht. Ihr Ton wurde lauter. Kurz darauf begannen die Presswehen und mein wunderschöner Junge sollte bald das Licht der Welt erblicken. Sein Kopf bereitete mir ziemliche Probleme, also warf sich die inzwischen dazugekommene Ärztin mit ihrem ganzen Körpergewicht auf meinen Bauch und versuchte von oben das Baby herauszudrücken. Dieser Schmerz war unbeschreiblich. Heute weiß ich, dass dieses Vorgehen einen Namen hat. Das sogenannte „Kristellern“ bringt oftmals schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene mit sich. Es fiel mir durch die Ärztin noch viel schwerer zu Pressen und irgendwann ließ sie glücklicherweise von mir ab. So gebar ich meinen Sohn ohne ihr zutunn und schloss ihn einfach glücklich in meine Arme.

Ja, die Schmerzen waren kurzzeitig vergessen.

Zumindest, bis sie ihn mir aus den Armen nahmen und der Meinung waren, ihn baden zu müssen. Nachdem die Nachgeburt ebenfalls ziemlich schmerzhaft aus mir herausgedrückt wurde, sagte man mir, dass sie mich nun nähen würden. Nähen? „Warum?“, fragte ich und erfuhr, dass man mir einen Dammschnitt verpasst hatte. Ohne zu fragen. Ohne überhaupt etwas zu erwähnen. Bis heute frage ich mich warum, denn eigentlich sollte eine Hebamme alles zum Schutz des Dammes unternehmen und wenn dann ist das Reißen immer noch der natürlichere Weg. Dank meines jugendlichen Leichtsinns habe ich mir keine weiteren Gedanken über die Geburt meines ersten Kindes gemacht. Es war ja ganz normal…

Sieben Jahre später, bei der Geburt meiner Tochter in einem anderen Krankenhaus, kam es aber leider noch viel schlimmer.

Vier Tage vor dem errechneten Termin platzte meine Fruchtblase (dachte ich) zu Hause und wir machten uns auf den Weg. Nachdem mir das CTG verpasst und der Papierkram erledigt wurde, wollte die Hebamme nach dem Muttermund schauen. Dieser lag aber so weit hinten, dass sie ihn nicht zu fassen bekam und in mir herumstocherte, ohne Erfolg. Ich bekam einen Einlauf und wurde in den Kreißsaal gebracht. Schon beim ersten Kind war der Wunsch nach einer Wannengeburt sehr groß und beim Zweiten wollte ich es unbedingt durchsetzen. Ich ging in die Wanne und fühlte mich sehr wohl, aber es passierte nicht viel. Die Wehen blieben aus und die Hebamme wurde nervöser. In der Wanne ist ihr das zu unsicher, sagte sie und ich musste raus.

Ich fühlte mich wie eine Kuh.

Die Herztöne des Babys waren laut CTG auffällig und das könnte dann gefährlich werden in der Wanne, hieß es. Mir wurde ein Wehentropf verpasst und unzählige Male wurde nach dem Muttermund geschaut. Sowohl von der Hebamme, als auch von der Ärztin. Ich fühlte mich mittlerweile wie eine Kuh. Beim zweiten Kind sollte doch eigentlich alles noch schneller gehen als beim Ersten, aber dem war nicht so. Als der Wehentropf langsam Wirkung zeigte, knallte es am CTG. Das war das wirkliche Platzen der Fruchtblase. Zu Hause war sie scheinbar nur angerissen gewesen. Es fühlte sich für mich alles so unnatürlich an.

Hebamme und Ärztin wurden immer gestresster.

Ständig fielen Sätze wie: „Die Herztöne verschlechtern sich.“, „Eventuell Kaiserschnitt.“, „Es wäre schön, wenn das Baby bis zum Ende der Schicht da ist.“. Ich fühlte mich furchtbar dabei zu wissen, dass ich mich beeilen sollte. Mein Körper signalisierte mir deutlich den Beginn der Presswehen und so sagte ich zu der Hebamme, dass ich gerne drücken möchte. Diese untersagte es mir allerdings mit der Begründung, dass mein Muttermund noch nicht vollständig geöffnet sei. Ich kam aber nicht gegen das natürliche Verlangen meines Körpers an und versuchte vorsichtig etwas mitzuschieben. Die Ärztin untersuchte zum wiederholten Male meinen Muttermund und ein unglaublicher Schmerz durchdrang meinen gesamten Körper. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ich bekam schlecht Luft und hatte das Gefühl gleich das Bewusstsein zu verlieren. Sie hatte mir den Muttermund per Hand geöffnet! Nachdem ich kaum noch sprechen konnte, gab man mir zusätzlichen Sauerstoff. Von da an war ich nur noch in Trance.
Meine Tochter war geboren, aber der Schmerz war noch da. Er war nicht vergessen, wie bei meinem ersten Kind. Die Kleine weinte heftig und sehr lange. Ich bin mir sicher, dass dieses Erlebnis auch bei ihr Spuren hinterlassen hat.

Panikattacken verfolgen mich seitdem.

Nun wird meine Tochter bald zwei Jahre alt und seither kämpfe ich mit Panikattacken. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Bis auf den nicht mehr vorhandenen Schmerz sind die Gefühle, wie im Moment vor der Geburt, geblieben. Kontrollverlust, Angst, keine Luft bekommen. All das begleitet mich seitdem. Vielleicht wird es mit einer künftigen Therapie besser, das wird die Zeit zeigen. Ich wünsche es mir für mich selbst.

Eines möchte ich Ihnen mitgeben, liebe Frau Doktor M.:

Das hat wehgetan! Sehr, immer noch und wird mich niemals vergessen lassen!

Ich hoffe, dass all die Frauen, die künftig in ihr Krankenhaus kommen, um ihre Kinder dort zur Welt zu bringen mit mehr Würde und Respekt, aber vor allem gewaltlos behandelt werden. So, wie es verdammt nochmal jede gebärende Frau verdient hat! Sie haben in keinster Weise das Recht zu Schneiden, ohne die Frauen vorher um Einverständnis zu fragen! Sie haben nicht das Recht, Frauen in diesen wehrlosen Momenten Angst zu machen und immer wieder auf angeblich „schlechte Herztöne“ hinzuweisen, nur, weil sie nicht wie auf dem Silbertablett vor Ihnen liegen und stattdessen in einer anderen Geburtsposition sein wollen. Weil Ihnen dieser natürliche Verlauf zu lange dauert, sie zu unerfahren in der Geburtshilfe sind und mir als Gebärende nicht vertrauen, wollen Sie mit einem Kaiserschnitt einschreiten und es als „Notwendigkeit“ tarnen. Aber ich sage Ihnen etwas: Das ist mein Körper und meine Geburt und so etwas passiert mir nie wieder!
Ich weiß, dass es vielen Frauen ähnlich ergeht und aus diesem Grund setze ich mich für all die stillen Frauen ein, die mit diesen Erinnerungen schweigend leben.

Gewalt hat in der Geburtshilfe nichts zu suchen! Geburten sind nicht schrecklich und schmerzhaft. Aber durch dieses Vorgehen werden sie es! Geburt ist eure Reise mit eurem Kind. Informiert euch, sucht Alternativen, nehmt eine Doula in Anspruch. Eine Tätigkeit, die hier leider noch zu wenig Anerkennung findet. Begebt euch in Therapie, wenn ihr Unverdautes aufarbeiten müsst. Aber schweigt nicht länger. Macht euch stark für euch selbst, für unsere Töchter, unsere Enkelinnen und alle Frauen, die in unserem Land ihre kleinen Wunder auf die Welt bringen werden. Nur so kann sich etwas verändern.