Zauber einer Weihnachtsnacht – Hausgeburt an Heiligabend

Wir wollen das Jahr mit einer zauberhaften Geburtsgeschichte von Sandra & Norman ausklingen lassen und allen Mut machen, deren Geburten noch bevor stehen. Lieben Dank allen tollen Menschen, die uns im Laden besucht haben und ihre Geschichten mit uns geteilt haben. Wir freuen uns auf das kommende Jahr!


„Umarmt eure Kinder fest! Und sagt ihnen, wie sehr ihr sie liebt!“

Ich bin Sandra, 26 Jahre jung und hier erzähle ich von unserer Geburt an Heiligabend vor einem Jahr.
Wir erwarteten unser erstes Kind und bereiteten uns auf eine Hausgeburt mit Hebamme vor. Unser Kind sollte Anfang Januar zur Welt kommen.
Eine Hausgeburtshebamme zu finden, ist für werdende Eltern nicht ganz einfach. Frühzeitig kümmerten wir uns und hatten Glück. Dennoch kam das Leben dazwischen. Denn unser Kind wollte schon an Heiligabend zu uns. Unsere Hebamme war im wohlverdienten Urlaub, die vertretende Hebamme stand plötzlich aufgrund eines familiären Todesfalls nicht zur Verfügung.

Weihnachten hat etwas Magisches

Dieses Jahr wollten Norman und ich Heiligabend allein verbringen und erst an den Feiertagen unsere Familien besuchen. Wir stellten uns vor, wie wir auf der Couch liegen, Weihnachtsfilme gucken, Tee trinken, dazu etwas futtern und den Abend entspannt ausklingen lassen. Ich liebe die Weihnachtszeit, da sie für mich etwas Magisches hat. Nicht nur diese vielen schimmernden Lichter, welche den Gang durch die dunklen Straßen zu einem zauberhaften Erlebnis machen. Auch die starken Energien der Rauhnächte sind bereits deutlich spürbar. Die Zeit, in der alles langsamer geht, die Zeit der Heimkehr, der Rückschau, man ist in sich gerichtet…

Wenige Wochen zuvor hatte ich mich, wie so oft, mental mit meinem Kind unterhalten. Auf meine Bitte, ob wir nicht einfach diese eine Woche noch warten können, kam ein vertrauensvolles „Mach dir keine Sorgen, wir werden das schon schaffen.“ und sowas wie ein Lächeln. Ich war mir nicht sicher, wie ich das interpretieren sollte und ließ es vorerst so stehen.

Obwohl wir trotzdem gehofft hatten, dass unser Baby aufgrund der Hebammenbetreuung entweder vor oder nach der Weihnachtswoche kommt und ich in diesen Tagen gefühlt etliche Tassen Geburtstee getrunken hatte, beschlich uns immer mehr das Gefühl, dass es womöglich doch in dieser Woche so weit sein könnte. Bei dem Gedanken fühlte ich mich anfangs verunsichert und spielte die Situation mehrmals in meinem Kopf durch. Würden wir in unsere Wunschklinik fahren, in der wir uns einen Platz gesichert hatten oder zuhause bleiben? Oder doch ins Geburtshaus fahren…? Die Anspannung verflog schnell, als ich für mich die Entscheidung traf, mich nicht mehr mit diesen Vorstellungen und „was wäre, wenn“ zu beschäftigen, sondern einfach vertraue. Vertraue, dass mein Körper im Zusammenspiel mit unserem Baby genau im richtigen Augenblick bereit sein wird. Ich erinnerte mich wieder an die Worte meines Kindes, wodurch ich mich entspannen und alles vertrauensvoll fließen lassen konnte.

Kein Platz für den Weihnachtsbaum

Am Nachmittag des 24.12.2017, so gegen 13.30 Uhr – wir wollten uns gerade einen Film ansehen – bemerkte ich beim Gang zur Toilette eine rosafarbene Flüssigkeit. Ich rief meine Hebamme an, die zu der Zeit einige Hundert Kilometer entfernt ihre Familie besuchte. Da sie mir nicht eindeutig sagen konnte, ob es ein Blasensprung war, sollte ich der Klinik meine Situation schildern. Aber die diensthabende Hebamme auf der Geburtsstation beruhigte mich und meinte, dass es sich laut meiner Beschreibung um den abgehenden Schleimpfropf gehandelt habe. Nun hatten wir die Wahl einer betreuten Krankenhausgeburt in unserer Wunschklinik oder einer Alleingeburt zuhause.

Nachdem ich einen kurzen Augenblick überlegte, fiel die Entscheidung. Ich fühlte mich sicher und wohl. Auch Norman sprach mir Mut zu und war ebenfalls voll im Vertrauen. Wir waren uns sicher: Diese Geburt wird ruhig, klar und kraftvoll! Wir blieben zuhause.

Langsam begannen die ersten Wehen, die wellenartig alle 10 Minuten für etwa 50 Sekunden kamen. Da ich Wirsingkohlsuppe liebe und Lust darauf hatte, begannen wir mit dem Schneiden von Kartoffeln und Kohl. Während die Suppe köchelte, nahm ich ein Wannenbad um die Wehentätigkeit zu beobachten. Sie kamen zu diesem Zeitpunkt alle 3 bis 5 Minuten für circa eine Minute. Anschließend telefonierte ich noch einmal mit meiner Hebamme und veratmete gemeinsam mit ihr am Telefon eine Wehe. Es tat gut, ihre Stimme zu hören. Wir entzündeten unsere Geburtskerze und stellten ein paar kleine Kraftsymbole auf. Platz für einen Weihnachtsbaum hatten wir in diesem Jahr nicht. An dieser Stelle im Wohnzimmer hatte Norman zwei Tage zuvor den Geburtspool aufgebaut.

Heimelige und wohltuende Atmosphäre

Ich saß gerade auf dem Gymnastikball und atmete mit den Wehen, als unsere Doula gegen 20 Uhr bei uns zuhause eintraf. Draußen war es bereits dunkel geworden.
Wir befestigten ein Tragetuch an unserer Badezimmertür, in das ich mich hineinhängen und einfach alles fallenlassen konnte. Das tat ich auch – mit einem Teller unserer leckeren Suppe, die nun fertig war. Ich verweilte für einige Zeit im Tuch, forderte immer wieder Nachschlag und stellte meine Suppe während der Wehen einfach auf den nebenstehenden Katzenbaum – wie praktisch. Wo wir doch erst überlegt hatten, das große Teil zu entsorgen. Zum Glück stand der noch!

Norman füllte inzwischen den Geburtspool mit Wasser und gab neben Meersalz auch wunderbar duftende Wildrosenessenz hinzu. Durch die Salzkristalllampen wurde unser Wohnzimmer von warmem, orangefarbenem Licht durchflutet. Die ganze Atmosphäre war sehr heimelig und wohltuend. Gegen 20.30 Uhr begab ich mich ins Wasser, worin ich mich leicht und geborgen fühlte.

Wann kommt endlich der Oxytocinrausch?

Zu Beginn unterhielten wir uns gut und machten viele Späße. Ich fragte noch, wann denn „nun endlich der Oxytocinrausch“ kommen würde und ob das jetzt wirklich die Geburt sei. Wir harmonierten sehr miteinander und ich war froh über die Unterstützung dieser beiden wundervollen Menschen. Dann nahm die Intensität der Wehen langsam zu. Es wurde anstrengender und ich benötigte meine Kraft zunehmend für mich selbst. Norman streichelte mir sanft den Kopf, reichte mir hin und wieder ein Glas Wasser und sprach mir kraftvolle Worte zu. Auch unsere Doula ermunterte mich, jetzt mutig zu sein und mich zu öffnen, um mein wundervolles Kind zu empfangen.

So wie bereits während der Schwangerschaft standen mein Baby und ich auch unter der Geburt in intensivem Kontakt. Es ließ mir Zeit, bis ich wirklich bereit war mich zu öffnen. Ich wusste, dass es nun an mir lag. Wenn ich so weit bin, wird es durch mich hindurchgleiten. Ich gab mich dem Geschehen vollkommen hin und ließ jeden Widerstand, der jetzt vielleicht noch da war, los.

Kurz darauf kam ich jedoch an den Punkt, an dem vermutlich jede gebärende Frau steht und dachte: „Ich halte es nicht mehr aus.“ Der Druck wurde so stark, dass ich eine Pause einlegen und „nach Hause gehen“ wollte um mich auszuruhen. Aber mein Kind gab mir zu verstehen, dass wir jetzt nicht mehr aufhören konnten.
Im nächsten Augenblick bekam ich einen unglaublichen Drang zu drücken. Ich gab ihm nach und schob mein Becken, während ich am Poolrand kniete, etwas nach vorn und richtete meinen Oberkörper instinktiv auf. Ungefähr viermal bekam ich diese gewaltige Kraft zu spüren. Ich erlebte jede Sekunde und war vollkommen präsent. Als ich ein leichtes Brennen spürte, wusste ich, dass dies nur das Köpfchen sein konnte. So stellte ich mein Bein auf und mein Kind ist in einem Schwung aus mir heraus ins warme Wasser geschwommen.

Ich habe meinen Sohn geboren!

Aus meiner eigenen Kraft. Er war so friedvoll, hielt die Augen sanft geschlossen und war vollkommen entspannt. Während er in meinem Arm weiter ruhte, lehnte ich mich an den Rand des Pools und schaute ihn mir einfach nur an. Er ist so perfekt, so vollkommen. Ich konnte nicht fassen, was da gerade passiert war. Für mich war ein Kind immer das Allergrößte im Leben. Aber wie groß dieses Allergrößte sich anfühlt, spürte ich erstmals in diesem Augenblick. Das Licht unserer Geburtskerze hielt den magischen Raum für unseren Heiligen Abend.

Wir legten uns gemeinsam auf die Couch und genossen die ersten Stunden zu dritt bis ins Morgengrauen. Die Welt schien stillzustehen in dieser Nacht. Liebe und eine tiefe Glückseligkeit durchströmten mich. Da war er also: der Oxytocinrausch.

Am ersten Weihnachtsfeiertag riefen wir unsere Familien an, die wir nun doch nicht mehr besuchen wollten und schrieben unseren engsten Freunden. Jeder einzelne teilte seine Freude mit uns, was mich sehr berührte. Da aber nun gerade Weihnachten war, wollte ich – wie jedes Jahr – unbedingt meinen Lieblingsweihnachtsfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gucken und so kam Norman meinem Wunsch nach, obwohl er kein Fan davon ist. Vielleicht haben ja auch Papas nach der Geburt einen Oxytocinrausch und können uns vor lauter Liebe keinen Wunsch entwehren. So murmelten wir uns auf der Couch ein, dazu Chips und Tee, unser Baby schlafend auf meinem Bauch und verbrachten unseren ersten gemeinsamen Tag als Familie.

Ein Bericht von Sandra W.